Reale Situation: Zwei Projektleiter bei, den jeweiligen, Projekt Kick-Offs. Es geht um die Frage der benötigten Ressourcen für das Projekt. Übliche Aufzählung Softwareteam, Hardware Entwicklung, Hardware Charakterisierung, Testteam und Systemarchitekt. Durch die Unterbesetzung der Systemarchitektur merkt der Teamleiter an, dass der Systemarchitekt evtl. nur mit verringerter Zeit starten könnte, späte könne man weiter sehen.

Die Reaktion der Projektleiter kann unterschiedlich nicht sein. In einem Fall wird das mit einem "ja passt, aktuell hätte er sowieso nicht wirklich was". Im anderen Fall entgegnet der Projektleiter,er fürchte, dass damit von Beginn an das Projekt eine schlechte Basis bekommt und dass er den Architekten unbedingt benötigt.

Die nachfolgenden Thesen sind bitte nicht als Loblied auf den Systemarchitekten zu verstehen. Ich werde noch genug Kritik an mir selbst und meiner Arbeit üben.

System- und/oder Softwarearchitekten

Lehrbuch Rolle oder nicht, die Frage hat mich bereits während des Studiums beschäftigt. Ich denke viele werden mir Recht geben, dass es sich durchaus verlockend anhört an generellen Konzepten zu Arbeiten und für die Detailarbeit sich auf andere zu Verlassen.

Mein Glück, dass ich tatsächlich eine Stelle gefunden habe die meine Zweifel zerstreuen müsste. Nun bin ich ja ein Systemarchitekt, warum sollte man sich noch mit der Frage beschäftigen? .... Nun vielleicht werden die Gründe in dem Artikel deutlich.

Flashback - Was ist ein Systemarchitekt

Im vorherigen Blogpost habe ich mich der Rolle des Systemarchitekten an sich gewidmet. Hier der Link:

Systemarchitekt, ein Architekt der Systeme baut?

In den Artikel habe ich einen klassischen akademischen Ansatz gewählt und den Begriff definiert. Mir persönlich kam es danach zu förmlich vor. Ich werde in Zukunft versuchen das ganze hier etwas "lockerer" aufzuziehen.

Vielleicht doch eine Lehrbuchrolle?

Nun ich kann vielleicht gar nicht Beantworten, woher meine Zweifel letztendlich stammen. Vielleicht ist es die Tatsache dass selbst im Studium das Thema "Architekturen" zwar angesprochen wurde aber nie so richtig behandelt. Vielleicht auch, dass man einen Buchhalter, Zugführer, Qualitätsmanager und ja selbst Prozessentwickler fast an jeder Ecke trifft, einen Systemarchitekten habe ich bis vor meinem neuen Job nicht getroffen. Wenn es ganz hart kam dann maximal noch einen Softwarearchitekten, aber auch die sind rar.

Nun habe ich mein Job und sollte mich doch beruhigen... ich Versuchs, aber zunächst meine Beobachtungen. Alle meine Kollegen kommen ursprünglich aus verschiedenen Bereichen. Alle sind promoviert außer mir, haben davor in einem vollkommen anderen Bereich gearbeitet Softwareentwickung, Hardwareentwicklugn, Produktentwicklung, Projektleitung und Forschung. Scheinbar nichts, wirklich, gemeinsames.

Nachdem die Definition so schwer zu finden war und dazu noch die Gemeinsamkeiten im Team fehlen stellt sich mir die Frage.

Wird die Rolle des Systemarchitekten, in der freien Wirtschaft wirklich gelebt und auch gefordert?

Nun mit der bisherigen gesammelten Erfahrung würde ich sagen, ja und nein. Meine Mutmaßung ist, dass hier die Trennung sowohl in der Firmenkultur, Firmenstruktur und der Firmengröße liegt.

Unternehmensgröße ist entscheidend

Jeder der schonmal für einen Konzern oder einen großen Mittelständer tätig war wird bestätigen, dass dort sehr viel Wert auf Prozesse und Rollen gelegt wird. Dies führt dazu das jeder die Aufgaben in seiner Domäne abarbeitet und in der Regel das innere der anderen Bereiche gar nicht sieht, auch wenn der Kollege direkt daneben sitzt. Bitte versteht mich nicht falsch, man redet und scherzt miteinander. Man hat sehr viel Kontakt aber eben wenig Einblick, warum auch immer.

Die Arbeit nach Prozessen und unter strikter Einhaltung der Rollen ist ein grundlegender Aspekt bei der Arbeit in einem großen Unternehmen. Viele kleine Unternehmen können sich dagegen schlicht keine explizite Trennung der Rollen erlauben. Hier übernimmt ein Entwickler häufig die Rolle des Softwareentwicklers, Architekten, technischen Verkäufers und Servicemitarbeiters zur gleichen Zeit. Für viele Mittelständer und Konzerne dagegen ist die strikte Trennung essentiell um die Arbeit strukturieren und steuern zu können.

Personalunion oder fokussiertes Arbeiten darf jedoch nicht mit der Arbeitsbelastung gleichgesetzt werden. Diese ist in allen Fällen von der Personalführung und Firmenkultur abhängig.

Eine schnelle Recherche im Web

Ich habe mir natürlich ein paar Gedanken gemacht wie ich denn meine Aussagen untermauern könnte, eine Studie oder eine wissenschaftliche Untersuchung zu diesem Thema kann ich mir nicht vorstellen. Bei den täglichen 15min LinkedIn sind mir die Berufsbezeichnungen aufgefallen also habe ich geschaut, ob man nach dem aktuellen Beruf suchen kann, und voilà ...

Gesucht habe ich natürlich nach "system architect", englisch weil die Arbeitssprache zumindest bei uns englisch ist. Ihr seht es sind schon ein paar Annahmen, die meine These stutzen aber aktuell geht es nicht ohne. Hier das Ergebnis:

Laut den letzten Statistiken hat LinkedIn ~433 Mio Nutzer (Social Media Institute), zum Vergleich Xing hat "lediglich" ~10 Mio.

Search Results for System Architect on Linkedin

Es werden lediglich ~20k Personen gefunden die einen solchen Jobtitel angegeben haben. Interessanter wird es, wenn man sich die Anzahl der Systemarchitekten in bestimmten Unternehmen anzeigen lässt von denen man denkt das es von den nur so wimmeln müsste. Hier eine kleine Auswahl

Where do System Architects Work

Zum Vergleich habe ich den langweiligsten Job genommen den mir auf die schnelle eingefallen ist "process engineer", bitte nicht falsch verstehen auch die sind wichtig allerdings kann ich mir persönlich nichts langweiligeres vorstellen. Nun, da sind die Ergebnisse:

Search Results for Process Engineer on Linkedin

Ebenfalls englisch, ebenfalls aktiver Job. Die Suche bringt sofort die 10 fache Menge zusammen.

Scheinbar nichts gemeinsam und doch ...

Wie steht es aber nun mit den Kollegen mit denen ich scheinbar nichts gemeinsam habe, aber den gleichen Job mache. Uns verbindet in erster Linie die, meiner Meinung nach, wichtigste Eigenschaft eines Systemarchitekten die Fähigkeit sowohl stark generalisiert als auch extrem detailliert und spezielle über ein Thema diskutieren zu können. Das Besondere dabei ist, dass das Umschalten zwischen generalisiert und spezialisiert nur einen Augenblick benötigt.

Die Tage hatte ich die Möglichkeit an einem Meeting meines Kollegen teilzunehmen, der die Arbeit an einem Algorithmus eines Teams aus Mathematikern, Physikern und Softwareentwicklern (insgesamt ca. 10 Personen) dem Management erklären durfte ... in nur 1h. Ich persönlich denke, dass die Investition in diese Stunde für viele Anwesenden konstruktiver war als die gesamte restlich Woche. Einfach großartig.

Was ist den nun mit dem Lehrbuch

Eines vorweg, definitiv keine Lehrbuch Rolle, allerdings gibt es häufig den Versuch diese Rolle abzuwerten oder gar aus dem Projekt zu verbannen. Häufig passiert es dann wenn der Projektleiter selbst Jahrelange technische Erfahrung mitbringt und felsenfest davon überzeugt ist, dass er sowohl die organisatorischen wie auch die technischen Aufgaben parallel ausführen kann.

Passiert sowas in einer großen Firma, wird dies in der Regel durch die häufigen Reviews erkannt und dagegen gesteuert. Leider wird der Systemarchitekt hier in eine Position gebracht in der er scheinbar nicht gebraucht wird und das bekommt er zu spüren Eine solche Erfahrung würde ich jedem Systemarchitekten empfehlen auch wenn sie nicht schön ist, aber sie härtet ab.

In einer kleinen Firma wird der Fall oft nicht bemerkt oder billigend in Kauf genommen, weil man sich damit noch eine technische Leitung spart. Das Ergebnis hier ist leider häufig ein gescheitertes Projekt. Dazu ein kurzes Zitat

"Das Notwendige ist nie zu teuer bezahlt."

Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.), römischer Redner und Staatsmann

Mögliche Abhilfe

In großen Unternehmen genügt das in der Regel, wenn der Einsatz eines Systemarchitekten mittels Prozessdefinition festgelegt wird. Dann wird hier das Abweichen schwieriger.

In kleinen Unternehmen arbeitet das Team in der Regel sehr viel enger zusammen. Hier reicht es oft das technische Team zu motivieren diese Rolle gemeinsam zu übernehmen. Wichtig dabei, dies sollte allen beteiligten mitgeteilt werden.

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